Kultur und Traditionen
Die Entstehung der Kultur und der Traditionen der Völker Usbekistans ist eng mit der Großen Seidenstraße verbunden, die auf das späte 2 Jh. vor unserer Zeitrechnung zurückgeht. Die Bezeichnung „Seidenstraße“ wurde vom deutschen Wissenschaftler Ferdinand Freiherr von Richthofen 1877 in seinem klassischen Werk „China“ eingeführt und unter Wissenschaftlern etabliert. Sie ist absolut berechtigt, denn, wie ein anderer deutscher Wissenschaftler Albert Herrmann darauf hingewiesen hat, genau die Seide war die wichtigste Handelsware, die im ausgehenden 2. Jh. vor unserer Zeitrechnung zwei unterschiedliche Welten mit einander bekannt gemacht hat – den Westen und den Osten.
Es ist die geographische Lage Usbekistans in der Mitte der Seidenstraße, die zu den wichtigsten ethnischen Vorgängen im Land geführt hat wie etwa die Migration von Völkern aus dem vorderen Asien wie Drawiden, Indoeuropäer und Indoiraner sowie Türken. Es kam zu einer Symbiose von verschiedenen Kulturen – der altorientalischen, orientalischen und west-iranischen, hellenistischen, indischen, türkischen und chinesischen Kultur. Das hatte die Entstehung von einmaligen Formen des kulturellen und geistigen Lebens der Menschen in der Region zur Folge. Völker Usbekistans stehen im Ruf, zur Verbreitung der Buchstabenschrift und der Weltreligionen wie Buddhismus, Christentum, Zoroastrismus, Manichäismus und Islam sowie vieler anderer kulturellen Errungenschaften in den Ländern Asiens und des fernen Ostens wesentlich beigetragen zu haben.
Archäologische Ausgrabungen belegen, daß der Zoroastrismus auf dem Gebiet Usbekistans vor über 3,5 Tausend Jahren entstanden ist. Die Worte von Zarathustra über den ewigen Kampf für den Sieg des Guten über das Böse sind im Buch „Avesta“ niedergeschrieben, dessen 2700-Jahre-Feier auf Beschluß der UNESCO in Usbekistan im Jahr 2001 begangen wird.
Auch geschichtsträchtige Denkmäler in den uralten Städten wie Samarkand, Buchara, Termez und Chiwa haben sich erhalten. Auf Initiative der usbekischen Regierung und unter Mitwirkung der UNESCO wurden 1997 Feierlichkeiten anläßlich des 2500-jährigen Gründungsjubiläums der ältesten Städte der Erde – Buchara und Chiwa festlich begangen.
Einen unschätzbaren Beitrag haben die Vorfahren des usbekischen Volkes zur Entstehung und Etablierung der islamischen Kultur geleistet. Von der ganzen islamischen Welt werden die geistigen Großtaten der Imame al-Buchari und at-Termizi geehrt, die das heilige Wissen über die wahren Hadithe bewahren haben. Die Glanzleistung der mittelalterlichen islamischen Kultur waren die Errungenschaften bei Handwerk, Baukunst, Wissenschaft und Literatur der Epoche der timuridischen Renaissance, die mit der Regierungszeit des hervorragenden Staatsmanns Amir Timur einsetzte.
Nachdem Usbekistan seine Unabhängigkeit 1991 erlangt hat, haben viele Volkstraditionen, Sitten und Feste wie Nawruz (Beginn des Frühlings), Lola-bairam (Blumenfest), Pachta-bairam (Baumwollefest), Hosil-bairam (Erntefest) u.a. neuen Sinn erhalten und verbinden in sich Elemente von präislamischen Kulturen, d.h. Zoroastrismus, Buddhismus und anderen.
Die usbekische Literatur entwickelte aus der mündlichen Dichtkunst des Volkes. Die bekanntesten Werke der mündlich tradierten Dichtung sind der Heldenepos „Alpamisch“, der romantische Heldenepos „Gorogli“ (mit über 40 Sujets), die Krieger-Novelle „Jusuf und Achmad“ sowie die Liebesnovelle „Tachir und Suchra“.
Ein besonderer Stellenwert in der Geschichte kommt der Dichtung von Alischer Nawoi, dem Begründer der usbekischen Poesie zu. In diesem Jahr wird in Usbekistan der 560. Geburtstag von Nawoi feierlich begangen. Im April 2001 fand an der Freien Universität Berlin ein internationales wissenschaftliches Symposium zum Gesamtwerk von Alischer Nawoi statt.
In der usbekischen gegenwärtigen Literatur dominieren nach wie vor solche Gattungen wie Poesie, Erzählung, Roman, Satire, Feuilleton und Pamphlet. In den Werken der Dichter und Schriftsteller von heute haben die Weltanschauung und die poetische Wahrnehmung der Welt eine höhere Stufe erlangt.
Die bildenden Künste und das Kunsthandwerk blicken auf eine Einwicklung zurück, die in der Antike (4. Jh. v.u.Z. – 4. Jh. v.u.Z.) begann. Die bemalten Tonfiguren von Chaltschajan (1. Jh. v.u.Z.) zeugen von der faszinierenden Vielfalt an menschlichen Gestalten. Die buddhistischen Spuren lassen sich in den Skulpturen der südlichen Gebiete Usbekistans finden, z.B. der Fries von Airtam (2. Jh. v.u.Z.), der die Darstellung von himmlischen Musikern und Trägerinnen von Gaben enthält.
Auf Beschluß der Regierung Usbekistans wurde im Jahr 2000 das 545. Jubiläum des Meisters und eines der Begründer der orientalischen Miniaturkunst Kamoliddin Bechsod gefeiert. Dieses fest wurde in das Feste-Programm der UNESCO für 2000 aufgenommen. Einzelne Miniature von Bechsod werden heute in vielen Museen der Welt und in privaten Sammlungen aufbewahrt. An der internationalen wissenschaftlich-praktischen Konferenz „Einfluß des Schaffens von K. Bechsod auf die bildende Kunst in der Welt“, die vom 22. bis 25. November 2000 in Taschkent stattfand, haben Wissenschaftler und Künstler aus vielen Ländern der Welt, darunter Großbritannien, Japan, Indien, Deutschland und Rußland teilgenommen.
In den Jahren der Unabhängigkeit Usbekistans hat die dekorative angewandte Kunst eine Neugeburt erfahren und erfreut sich großer Beliebtheit bei der Jugend. Die wichtigsten Arten des Kunsthandwerks sind Keramik, Prägung, Holzschnitzerei, Goldstickerei, Stickerei, Puppen, Teppichweberei, Seidennäherei, Seidenteppiche, Lackmalerei und Edelmetallschmiedekunst.
Für die usbekische Malerei sind Miniatur, Freilichtmalerei, Plakatmalerei und Graphik sowie Gemälde zu zeitgenössischen und historischen Themen typisch, wobei das Genre des zeitgenössischen Porträts überwiegt.
Der Entwicklung der Musikkunst in Usbekistan dient das 1918 in Taschkent gegründete Konservatorium und ihre Filialen in Samarkand, Fergana und Buchara sowie die Musikhochschule (1934) und die Usbekische Staatliche Philharmonie (1936).
Die Tanzkunst der Völker Usbekistans war seit jeher entwickelt. In 4. – 8. Jh. war die Tanzkunst der Tänzer aus Samarkand, Buchara und Choresm im ganzen Orient bekannt. Heute gibst es neben den staatlichen Ensembles („Usbekistan“, „Bachor“, „Lazgi“ u.a.) über 100 weitere Tanzensembles.
Das theatralische Leben Usbekistans ist bunt und vielfältig. Es gibt 35 staatliche Theater, darunter 2 Opern- und Ballettheater, 10 Musik- und Drama- sowie mehrere Puppentheater.
Usbekische Theaterkünstler und Konzertensembles führen erfolgreich Gastspiele im Ausland durch, z. B. in Deutschland, Frankreich, Slowakei, Indien, Ägypten, den USA und anderen Ländern der Welt.
Die Regierung Usbekistans schenkt große Aufmerksamkeit den nationalen Kulturen anderer in Usbekistan lebenden Volksgruppen. So wurden in den zehn Jahren der Unabhängigkeit 110 nationale Kulturzentren gegründet. Zur Wahrung der ethnisch-kulturellen Interessen der deutschen Bevölkerung Usbekistans wurden das Kulturzentrum der Deutschen Usbekistans „Wiedergeburt“ und das kulturelle Kleinunternehmen „Union“ gegründet. Es wurde auch ein Volkstanz-Ensemble gegründet, das als Mitglied der internationalen Organisation „Deutscher Volkstanz“ angehört.
Auf regelmäßiger Basis werden Tage der Kultur und Kunst der ausländischen Staaten durchgeführt. Einen besonderen Platz im Musikleben der Region hat das internationale Musikfestival „Sharq taronalari“ (Melodien des Orients) eingenommen, das seit 1997 alle zwei Jahre in Samarkand durchgeführt wird. Zu den Teilnehmern zählen Künstler und Musiker aus vielen Ländern der Welt.
Das internationale Festival der modernen Musik und des Theaters „IlchomXX“, das seit 1995 jährlich in Taschkent stattfindet, das internationale Festival der symphonischen Musik (in Taschkent seit 1998) haben unmittelbar die Komponisten und ihr Schaffen zum Thema.